Vollkommenheit

Vollkommene Vollkommenheit ist das höchste Ziel der Schöpfung, sagt der Meditationsmeister Sri Chinmoy. Doch wo liegt diese Vollkommenheit verborgen? In der tiefen Freude des Menschen, die sich stetig in dessen Leben ausdehnt und weitet.

Geben wir im spirituellen Leben das äußere Leben auf?

Sri Chinmoy: Wenn wir das spirituelle Leben im wahren Sinn des Wortes annehmen, geben wir die Welt nicht auf und versuchen auch nicht, der Welt zu entfliehen. Wir nehmen die Welt an und versuchen, die Welt auf göttliche Weise zu erfüllen, auf die Weise, wie Gott es will. Ich bin nicht einverstanden mit denen, die behaupten, Gott sei nur im Himmel und nirgendwo anders. Gott ist im Himmel, aber Gott ist auch auf Erden. Der Schöpfer kann niemals von Seiner Schöpfung getrennt sein. Die Welt, in der wir leben, ist Seine Schöpfung. Er ist hier. Er weilt in allen Dingen.
Wir müssen die Welt annehmen wie sie ist. Wie können wir etwas verwandeln, wenn wir es nicht zuvor annehmen? Wie kann ein Töpfer ein Gefäß herstellen, ohne den Tonklumpen anzufassen? Dieser Tonklumpen ist die Welt. Wir müssen das Antlitz der Welt verwandeln, indem wir uns dem Göttlichen in der Menschheit hingeben.
Glaube nicht, dass du nur an dich selbst denkst und nicht an die übrige Menschheit, wenn du zu Gott betest oder auf Gott meditierst. Wenn du zum Fuß des Schöpfungsbaumes gehst, wirst du sehen, dass Gott die Wurzel ist. Wenn du die Wurzel des Baumes gießt, wird der Schöpfungsbaum so wachsen, wie das göttliche Gesetz es will. Die Zuwendung, die du der Wurzel des Baumes - Gott - schenkst, wird alle Äste und Zweige nähren, die dann im Einklang mit Gottes Vollkommenheit leben werden.

Wie unterscheiden sich innere und äußere Vollkommenheit?

Sri Chinmoy: Es gibt eine innere Vollkommenheit und eine äußere Vollkommenheit. Die Schönheit einer Blume ist die äußere Vollkommenheit, ihr Duft ist die innere Vollkommenheit. Alles, was innerlich transzendiert werden muss, bringt uns die Botschaft der Vollkommenheit in der inneren Welt. Alles, was äußerlich vergrößert, erleuchtet und erfüllt werden muss, bringt uns die Botschaft der Vollkommenheit in der äußeren Welt. Zu jenem Zeitpunkt, wo wir jedes Individuum als einen weiteren Gott empfinden und auch wirklich sehen können, sehen wir Vollkommenheit in der inneren Welt. Jeden Menschen auf der Erde als einen weiteren Gott zu sehen, ist innere Vollkommenheit. Äußere Vollkommenheit ist, in jedem Menschen Gottes Anwesenheit zu sehen und zu fühlen. In der inneren Vollkommenheit sehen wir jeden Einzelnen als einen weiteren Gott. In der äußeren Vollkommenheit sehen wir Gott und sonst niemanden im Innern jedes Einzelnen.

Wie können wir hier auf der Erde Vollkommenheit erkennen?

Sri Chinmoy: Hier auf der Erde beobachten wir die Vollkommenheit in zwei erhabenen Wirklichkeiten: im inneren Schrei und im Lächeln. Wenn ein Kind seelenvoll schreit, sehen wir in seinem seelenvollen Schrei Vollkommenheit. Wenn ein Kind seelenvoll lächelt, sehen wir in seinem Lächeln Vollkommenheit. Vollkommenheit ist unweigerlich dort, wo die Gegenwart der Seele strahlt. Die Seele ist der direkte Vertreter Gottes, der bewusste Botschafter Gottes. Die Seele ist der Bote eines neuen Lebens, eines neuen Lichts, einer neuen Morgenröte, einer neuen Verwirklichung, einer neuen Vollkommenheit auf der Erde.

Was ist Vollkommenheit?

Sri Chinmoy: Vollkommenheit ist kein fertiges Produkt und kann keines sein; sie ist nichts Abgeschlossenes; sie kann nicht die letzte Höhe sein, über die nichts hinausgeht. Vollkommenheit ist etwas, das seine eigene Wirklichkeit, seine eigene Höhe, sein eigenes Ziel ständig übersteigt oder transzendiert. Vollkommenheit ist wie ein Fluss, der unaufhörlich in das sich ewig ausdehnende, in das sich ewig transzendierende Meer fließt. Vollkommenheit ist kein stehendes Gewässer; sie ist ein dynamischer Strom, der zum sich ewig transzendierenden Jenseits fließt.

Was ist das höchste Ziel des Lebens?

Sri Chinmoy: Ein Leben des Dienens ist das Leben unserer Seele. Wenn wir „ich“ sagen, sollten wir uns auf die Seele beziehen und nicht auf den Körper oder das Körperbewusstsein. Wenn ich mich als die Seele kenne, dann fühle ich, dass ich der bewusste Vertreter Gottes bin. Ihn zu manifestieren, Ihn zu enthüllen, das ist der Sinn meines Daseins auf Erden. Wenn ich von Gott und für Gott bin, dann muss ich tief nach innen gehen. Ich muss einen freien Zugang zur wirklichen Wirklichkeit in meinem Innern haben. Wenn ich mich mit meiner inneren Wirklichkeit eins fühle, dann sehe ich um mich herum und in mir die Welt der Vollkommenheit. Das höchste Ziel des äußeren und inneren Lebens ist Vollkommenheit. Diese Vollkommenheit kann nur auf Selbsthingabe begründet werden. Die Botschaft der Selbsthingabe geben wir durch unseren ständigen inneren Schrei. Dieser aufsteigende Schrei will die transzendentale Höhe vollkommener Freude mit all ihrem unendlichen Licht und all ihrer unendlichen Glückseligkeit erreichen, um die Erde umzuwandeln und die Natur zu vervollkommnen. Wenn wir Sucher sind, ist das unsere höchste Aufgabe.

Was hält uns momentan von der Vollkommenheit fern?

Sri Chinmoy: Was uns im Augenblick von der Vollkommenheit fernhält, ist unser Hang zum Leben des Vergnügens und unsere Selbstnachgiebigkeit im Leben des Vergnügens. Darum ist die Welt des Unwissens jetzt unsere einzige Wirklichkeit. Doch wenn wir meditieren und Licht in uns eintritt, erkennen wir, dass wir aus einem besonderen Grund in das Reich der Dunkelheit eingedrungen sind. Wir müssen alles, was in uns ist, in etwas Göttliches verwandeln. Jeder einzelne Teil unseres Wesens muss umgewandelt werden. Es gibt keinen anderen Grund, warum wir in die Welt der Unwissenheit eingetreten sind. Es reicht nicht aus nur in einem Teil unseres Wesens vollkommen zu sein. Vollkommenheit muss auf jeder Ebene unseres Bewusstseins vorhanden sein. Aus diesem Grund muss das Licht des Jenseits in die Welt eintreten.

Wie können wir in das Meer der Vollkommenheit springen?

Sri Chinmoy: Wenn wir den inneren Schrei nach Glückseligkeit besitzen, springen wir in das Meer der Vollkommenheit. Das ist der erste Schritt. Wenn dieser innere Schrei unaufhörlich wird, schwimmen wir im Meer der Vollkommenheit. Wenn wir Freude und Glückseligkeit stets als unser Ziel sehen können, wächst automatisch Vollkommenheit in uns heran, und langsam und stetig werden wir zum Meer der Vollkommenheit.

Was hält uns davon ab, nach Vollkommenheit zu streben?

Sri Chinmoy: Unsere Selbstnachsichtigkeit. In der Selbstnachsichtigkeit fühlen wir, dass es in unserem Leben etwas absolut Notwendiges gibt, und das ist Vergnügen. Wenn wir uns nach Vergnügen sehnen und im Vergnügen bleiben wollen, um zum Vergnügen selbst zu werden, ist Vollkommenheit weit entfernt. Doch wenn wir uns nach göttlicher Freude und Glückseligkeit sehnen, tauchen wir in den Ozean der Vollkommenheit ein. Wenn unser innerer Schrei ununterbrochen ist, lernen wir im Meer der Vollkommenheit zu schwimmen.

Ist Freude eine Form von Vollkommenheit?

Sri Chinmoy: Freude ist eine Form der Vollkommenheit. Vollkommenheit und göttliche Freude, innere Freude, höchste Freude sind untrennbar. Wenn du vollkommen bist, bist du fröhlich; und wenn du wirklich fröhlich bist, seelenvoll fröhlich, dann bist du auch vollkommen. Der spirituelle Ausdruck, den wir für Freude gebrauchen ist Glückseligkeit. Da die innerste Quelle Glückseligkeit ist, ist Glückseligkeit natürlich Vollkommenheit. Glückseligkeit und Vollkommenheit sind immer untrennbar miteinander verbunden.

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