Strebsamkeit

Strebsamkeit ist das tiefste Geheimnis der Freude. Sie symbolisiert die ewige Sehnsucht des Menschen, zu seiner göttlichen Quelle zurück zu kehren. Jener höchsten Quelle, die nichts anderes als reine Freude ist und durch Meditation erfahren werden kann.

Sind Strebsamkeit und der innere Schrei Synonyme?

Sri Chinmoy: Inneres Streben ist der aufsteigende Schrei, der emporsteigende Schrei in unserem Herzen. Durch unseren inneren Schrei können wir in das göttliche Bewusstsein eintreten. Dieser Schrei ist kein Schrei nach Ruhm und Anerkennung. Es ist der Schrei nach unserem vollkommenen, bedingungslosen und rückhaltlosen Einssein mit Gott, dem inneren Führer unseres Lebensschiffes.
Manche Menschen haben die Existenz dieses inneren Führers völlig vergessen. Andere wiederum wissen um seine Existenz, doch sie wollen keine Verbindung, keinen Kontakt mit Ihm. Ein aufrichtiger Sucher jedoch fühlt die Notwendigkeit ständiger Zwiesprache mit dem inneren Führer. Das Wissen von Gottes Existenz in seinem Inneren befriedigt ihn nicht. Er will vierundzwanzig Stunden am Tag in Gottes Bewusstsein verweilen und mit Ihm in Verbindung sein.
Wir müssen Gott zu einer lebendigen Wirklichkeit in unserem Alltag machen. Wir müssen fühlen, dass Gottes Gegenwart von höchster Bedeutung ist. Wenn wir nicht täglich Nahrung zu uns nehmen, lassen wir unseren Körper hungern. Genauso sollten wir fühlen, dass wir unseren spirituellen Körper hungern lassen, wenn wir nicht täglich beten und meditieren. Wenn wir mit den Tränen unseres Herzens streben, werden wir sehen, dass Gott zu uns herabkommt. Es ist, wie wenn zwei Menschen sich treffen, von denen der eine im ersten Stock und der andere im dritten Stock war. Wir steigen in den zweiten Stock hinauf und Gott kommt zum zweiten Stock herab. Dort treffen wir zusammen und erfüllen einander.
Die Treppe zum zweiten Stock wird durch den Schrei unseres Herzens geschaffen. Es ist der Schrei des inneren Strebens, der nichts mit Angst oder Schmerzen zu tun hat. Das Herz ruft und sehnt sich wie eine aufsteigende Flamme, die sich stetig brennend nach oben erhebt. Gott kommt mit Seiner Gnade herab, wie ein zu Tal strömender Fluss. Wenn das Streben des Suchers und die Gnade Gottes zusammentreffen, erfahren wir die göttliche Erfüllung der Vereinigung mit Gott.

Wie können wir Erfüllung erhalten?

Sri Chinmoy: Wenn wir das Leben der Strebsamkeit annehmen, werden wir früher oder später unweigerlich Erfüllung erhalten. Wenn wir auf der Straße der Strebsamkeit zu gehen beginnen, fühlen wir ein wenig wirkliche Erfüllung, auch wenn wir erst nur ein ganz klein wenig Frieden, Licht und Seligkeit erhalten. Und indem wir innerlich wachsen, wächst auch unser Friede, unser Licht und unsere Seligkeit. Wenn wir täglich üben, entwickeln wir nach und nach unsere Muskeln, wir werden stark, stärker, am stärksten. Genauso kommt in unserem spirituellen Leben durch den Aufbau unserer Strebsamkeit - unserer inneren Kraft - eine Zeit, wo wir Licht, Frieden und Seligkeit in unendlichem Maße erhalten und wo wir in unserem Leben vollständige Zufriedenheit und Erfüllung fühlen werden.
Strebsamkeit ist die innere Flamme. Anders als andere Flammen verbrennt diese Flamme nichts, sondern reinigt, erleuchtet und verwandelt unser Leben. Wenn unsere niedere Natur gereinigt wird, hoffen wir, das Gesicht Gottes zu sehen. Wenn unsere äußere Natur erleuchtet wird, fühlen wir, dass Gott nah und vertraut ist, dass Er alldurchdringend und all-liebend ist. Wenn unsere niedere und äußere Natur in die Verwandlungs-Flamme hineinwächst, werden wir die Wahrheit erkennen, dass Gott der innerste Führer, die sonnigste Reise und das höchste Ziel ist.
Nicht nur die Begierden vergehen. Der Mensch der Begierden vergeht auch. Doch der Mensch der Strebsamkeit lebt für immer im vollständigen Erfüllungs-Herzen seines geliebten Supreme.

Wie lässt sich Strebsamkeit definieren?

Sri Chinmoy: Strebsamkeit ist unser innerer Drang, alles zu transzendieren, sowohl über die Erfahrung wie auch über die Erkenntnis hinauszugehen, die wir bereits gemacht haben. Das ist absolut notwendig, weil Gott der Unendliche ständig Seine eigene Unendlichkeit transzendiert, Gott der Ewige ständig Seine eigene Ewigkeit transzendiert und Gott der Unsterbliche ständig Seine eigene Unsterblichkeit transzendiert.
Strebsamkeit kann entwickelt werden, Schritt für Schritt. Jedesmal wenn wir streben, vollbringen wir in den Tiefen unseres Bewusstseins das Wunder, das Jenseits willkommen zu heißen.
Das Leben hat eine innere Türe. Strebsamkeit öffnet sie. Begierde schließt sie. Strebsamkeit öffnet die Türe von innen. Begierde schließt sie von außen. Das Leben hat eine innere Lampe. Diese innere Lampe nennt man Strebsamkeit. Wenn wir unsere Strebsamkeit brennen lassen, wird sie unweigerlich ihren strahlenden Glanz in Gottes ganze Schöpfung tragen.

Wie können wir die unstrebsamen Teile unseres Wesens am besten erziehen?

Sri Chinmoy: Die beste Art, die unstrebsamen Teile unseres Wesens zu erziehen besteht darin, sie der höchsten Notwendigkeit des Glücklichseins bewusst zu machen - des Glücklichseins im Leben und eines Lebens des Glücklichseins. Um im Leben glücklich zu sein und um ein Leben des Glücklichseins zu entdecken, muss man streben. Was ist Strebsamkeit? Strebsamkeit ist göttliche Erfüllung. Und was ist Unstrebsamkeit? Unstrebsamkeit ist tierische Befriedigung.

Weshalb sagt man Strebsamkeit sei etwas Spontanes?

Sri Chinmoy: Im spirituellen Leben machen wir nicht einfach irgendwie Fortschritt. Spiritualität kann nicht auf Biegen oder Brechen erzwungen werden. Sie ist etwas Spontanes. Ich kann dir das spirituelle Leben nicht aufzwingen, und ich kann dir das spirituelle Leben oder den inneren Schrei nicht wegnehmen. Aber wenn du etwas Spirituelles in dir hast, kann ich dich inspirieren. Wenn du eine spirituelle Münze hast, dann kannst du durch meine Inspiration Millionen von spirituellen Münzen erhalten. Doch am Anfang brauchst du eine kleine Flamme. Read more »

Was bedeutet Strebsamkeit?

Sri Chinmoy: Wenn du aus Frustration, Unzufriedenheit oder Verzweiflung ins spirituelle Leben eintrittst, dann wirst du vielleicht nicht im spirituellen Leben bleiben. Heute bist du mit etwas oder mit jemandem unzufrieden, doch morgen wirst du sagen: „Nein, ich will es noch einmal versuchen. Vielleicht werde ich dieses Mal Erfüllung erhalten.“ Hier versuchst du etwas auf eine menschliche Weise zu tun. Es ist dir etwas misslungen und darum bist du unzufrieden. Aber morgen versuchst du es vielleicht noch einmal auf eine menschliche Weise. Doch nach einer Weile wirst du sehen, dass von Wünschen und Begierden nur Unzufriedenheit und Frustration kommen. Wenn du deinen Wunsch nicht erfüllst, deine Begierde nicht stillst, bist du enttäuscht. Oder selbst wenn du mehr erhältst als du gewollt hast, oder wofür du gebetet hast, wirst du trotzdem nicht zufrieden sein. Im Leben der Begierde gibt es keine Erfüllung. Dann wirst du sagen: „Nein, ich werde nichts mehr auf menschliche Weise begehren. Ich bin aus der Weite gekommen und ich will jetzt wieder in die unendliche Weite eintreten.“ Das ist Strebsamkeit.

Wie unterscheiden sich Begierde und Strebsamkeit?

Sri Chinmoy: Einige Leute haben den Eindruck, dass Begierde und Strebsamkeit dasselbe sei. Unglücklicherweise, oder eher glücklicherweise ist dies nicht der Fall. Sie sind zwei völlig verschiedene Dinge. Der Unterschied zwischen Begierde und Strebsamkeit ist sehr einfach, sehr klar. Begierde will die Welt binden und verschlingen. Strebsamkeit möchte die Welt befreien und nähren. Begierde ist die wegfließende Energie. Strebsamkeit ist das einfließende Licht. Begierde sagt zum Menschen: „Besitze alles, und du wirst glücklich sein.“ Armer Mensch, wenn er nur eine einzige Sache besitzen will, sieht er, dass er bereits gnadenlos gefangen ist und von allem in Gottes Schöpfung besessen wird. Strebsamkeit sagt zum Menschen: „Verwirkliche nur eines, und dieses eine ist Gott. Du wirst glücklich sein.“ Glücklicher und gesegneter Mensch, auf seinem Weg nach innen und nach oben fühlt er in seinem inneren Leben erhabenen Frieden und in seinem äußeren Leben strahlende Freude, lange bevor er Gott sieht. Dann fühlt er, dass die Verwirklichung des höchsten Jenseits nicht länger in weiter Ferne liegt.

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