Nicht-Anhaftung

Nicht-Anhaftung bedeutet keineswegs Gleichgültigkeit. Sie ist eher vergleichbar mit einem Lotus, der zwar im Wasser schwimmt, an dessen Blättern jedoch das Wasser abperlt. Wahre Freude kann erst durch Nicht-Anhaftung erlangt werden. Denn sie bedeutet die wahre Loslösung von sich selbst und das Eintauchen in die geheimnisvollen Tiefen der Meditation.

Weshalb schenkt uns Nicht-Anhaftung wahres Glücklichsein?

Sri Chinmoy: Nicht-Anhaftung ist wahre Weisheit. Nichtverhaftetsein ist unsere göttliche Göttlichkeit. Niemand kann so glücklich sein wie ein Mensch, der nicht verhaftet ist. Wir haben den Eindruck, dass ein Mensch nur glücklich sein kann, wenn er etwas oder jemandem verhaftet ist, aber das ist ein großer Fehler. Wenn wir etwas oder jemandem verhaftet sind, werden wir in Wirklichkeit zu dessen Beute. Wir werden in Wirklichkeit ein Opfer jener Person oder jener Sache. Wenn wir in dieser Welt wirkliche Freude, wirklichen Frieden und wirkliche göttliche Eigenschaften haben wollen, müssen wir daher völlig losgelöst sein. Diese Loslösung oder dieses Nichtverhaftetsein bedeutet nicht, dass wir nicht für die Welt arbeiten werden; nein, wir werden für die Welt und in der Welt arbeiten müssen, aber wir sollten es nicht zulassen, von irgendetwas gefangen zu werden.

Wie können wir die Welt annehmen, ohne an sie verhaftet zu sein?

Sri Chinmoy: Der große Philosoph Sokrates sagte: „Heirate auf jeden Fall. Wenn du eine gute Frau erhältst, bist du glücklich; und wenn du eine schlechte Frau erhältst, wirst du ein Philosoph.“ Unglücklicherweise erhielt er eine schlechte Frau. Xantippe plagte ihn und er wurde ein Philosoph. Was lernen wir daraus? Wenn wir die Welt annehmen, sehen wir sehr oft Unwissenheit. Auf der anderen Seite spielen wir die Rolle der Unwissenheit, wenn wir die Welt ablehnen. „Welt“ bedeutet hier durchwegs den Mutteraspekt, den weiblichen Aspekt der Welt. Wir müssen die Mutter Erde annehmen. Wenn wir die Mutter Erde nicht annehmen wie sie ist, können wir nie glücklich sein. Sie muss uns segnen, führen, uns formen und uns all ihre Anteilnahme zeigen. Wenn uns dann die Mutter Erde in unseren Versuchen, unser höchstes Ziel zu erreichen, im Stich lässt, oder wenn es uns misslingt, sie für das höchste Ziel zu inspirieren, dann ist für uns die Zeit gekommen, wo wir gegenüber den Vergnügungen der Erde und den Errungenschaften der Erde gleichgültig werden müssen. Ein wirklicher Philosoph ist, wer eine Vision der Wahrheit hat. Wer einmal eine Vision der Wahrheit hat, kann gegenüber Vergnügen, Freude und Leid wirklich unberührt bleiben. Ebenso kann er gegenüber Erfolg und Misserfolg unberührt bleiben.
Dieses Unberührtsein bedeutet nicht, dass man der Welt nicht hilft oder sich von der Welt nicht helfen lässt. Sie bedeutet nur, dass wir demjenigen, dem wir helfen oder der uns hilft, nicht verhaftet sind. Wenn wir verhaftet sind, sind wir gebunden. Doch wenn wir der Welt helfen und wenn die Welt uns hilft, sind wir erfüllt. Wenn es uns misslingt, der Welt zu helfen und wenn es der Welt misslingt, uns zu helfen, dann haben wir ganz am Anfang unserer Reise einen Fehler gemacht. Entweder wollten wir Gott nicht erlauben, der Welt durch uns zu helfen, oder wir wollten Gottes Gegenwart in der Welt nicht sehen, als die Welt versucht hat, uns zu helfen. Aber wenn wir fühlen können, dass es Gottes Licht ist, das in der Welt und durch die Welt wirkt, dann und nur dann können wir erfüllt sein. Wenn ich nicht derjenige bin, der etwas tut, und die Welt nicht diejenige ist, die etwas tut, wer kann dann wen besitzen? Der Einzige, der etwas tut, ist Gott, die uns innewohnende Gottheit. Gott arbeitet in und durch uns - so kann Gott die Welt besitzen und so kann Gott uns besitzen.

Wie können wir uns von unserer Anhaftung befreien?

Sri Chinmoy: Um vom Verhaftetsein befreit zu werden, sind sieben aufeinanderfolgende Schritte nötig. Am Anfang müssen wir die Schriften und spirituellen Bücher studieren, die von spirituellen Meistern geschrieben wurden. Das ist der erste Schritt. Dann müssen wir mit spirituellen Suchern zusammensein, die bereits Bücher studiert haben und jetzt entweder nach wirklichem Licht schreien oder die ein wenig oder auch beträchtliches Licht in ihrem Leben der Strebsamkeit erhalten haben. Als nächstes müssen wir sehen und fühlen, dass rund um uns herum Versuchung ist. Jeden Augenblick sind wir der Versuchung ausgesetzt, die wir besiegen müssen. Dann müssen wir unseren Verstand vom Körper zurückziehen. Gegenwärtig ist unser Verstand ständig im Physischen, aber wir wollen den physischen Verstand transzendieren und in den ruhigen, intuitiven Verstand eintreten, in den höheren Verstand. Danach müssen wir in die Welt bewusster Ausdehnung eintreten. Da unser Begierde-Leben uns bindet und behindert, müssen wir in die Welt der Strebsamkeit eintreten, wo wir die Notwendigkeit eines Ziels verspüren. Schließlich brauchen wir die Hilfe unseres inneren Führers, um dieses Ziel zu erreichen. Keine Seele auf der Erde kann Gott ohne die Hilfe des inneren Führers verwirklichen. Gott und der innere Führer sind eins. Gleichzeitig ist der innere Führer der bewusste Vertreter Gottes. Der innere Führer kann Gott Selbst sein, oder er kann als spiritueller Meister, der spirituelle Vollkommenheit erreicht hat, menschliche Form annehmen. So kann ein spiritueller Meister, der in seinem höchsten transzendentalen Bewusstsein eins mit Gott ist, dein innerer Führer sein. Wenn du keinen spirituellen Meister hast, musst du in die innersten Gefilde deines eigenen Bewusstseins eintreten und versuchen, einen Schimmer des inneren Führers - von Gott - zu erhalten.

Was ist der Grund unserer Anhaftungen?

Sri Chinmoy: In dieser Welt sind wir dem Körper, dem Verstand, der Lebensenergie und dem Herzen verhaftet. Warum? Weil wir besitzen wollen. Aber unglücklicherweise vergessen wir, dass es auf der Erde nichts gibt, das wir für immer oder auch nur für lange Zeit besitzen können. Nehmen wir zum Beispiel den Körper. Jeden Augenblick sagen wir: „Mein Körper, mein Körper.“ Doch der Körper hält fünfzig, sechzig oder siebzig Jahre und dann verlässt er uns. Es gibt nichts auf der Erde, das wir für immer besitzen können, wenn wir im Physischen sind und nach dem Physischen schreien. Doch wenn wir in der Seele leben, sind wir im Ewigen und für das Ewige. Dann können wir Unendlichkeit, Unsterblichkeit und Ewigkeit ganz für uns beanspruchen.
In der Welt des Verhaftetseins sehen wir Versuchung. Versuchung ist etwas, das wir wollen. Versuchung ist der Unterschied zwischen dem, was wir besitzen wollen und dem, was wir jetzt gerade haben. Von der Versuchung kommt augenblicklich Frustration. Was ist Frustration? Frustration ist der Unterschied zwischen dem, was wir von uns wahrnehmen oder denken und dem, was wir wirklich sind. Dann kommt Zerstörung. Was ist Zerstörung? Zerstörung ist der Unterschied zwischen dem, was wir nicht sein wollen und dem, was wir jetzt unglücklicherweise sind.
Unser erster indischer Avatar, Ramachandra, hatte einen spirituellen Lehrer namens Vashishtha. Dieser sagte zu Rama, der Ursprung des Verhaftetseins sei Unglücklichsein. Wenn wir unglücklich sind, wollen wir uns nicht ausdehnen. Wir wollen uns in eine Höhle zurückziehen. Wir sagen, verschiedene Dinge seien der Ursprung des Verhaftetseins, doch Vashishtha sagte, der einzige Ursprung des Verhaftetseins sei Unglücklichsein. Wenn du unglücklich bist, wirst du an etwas verhaftet sein. Die Krankheit dieses Jahrhunderts, dieser Welt, ist Unglücklichsein. Dieses Unglücklichsein kann nur durch Liebe beseitigt werden, durch göttliche Liebe, nicht menschliche Liebe. Menschliche Liebe bindet - aber göttliche Liebe transformiert dein Bewusstsein und dehnt es aus.
Verhaftetsein verringert sich nicht wenn wir älter werden. Wenn wir denken, unser Verhaftetsein würde mit dem Alter abnehmen, täuschen wir uns. Nur durch Strebsamkeit können wir Verhaftetsein besiegen.

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