Mut

Die Seele kann nicht durch einen Schwächling gewonnen werden, heißt es in den alten indischen Schriften. Das Leben erfordert Mut. Aber wer ist schon wirklich stark? Jedoch ist der Mensch in seinem Unterfangen nicht allein, so der Meditationsmeister Sri Chinmoy. Denn seine innere Freude, die direkt dem Göttlichen entspringt, ist sein wirklicher Wegweiser. Diese innere Freude führt ihn bis an das Ende des bekannten Horizontes - und darüber hinaus.

Wie kann ich die Furcht im Verstand überwinden?

Sri Chinmoy: Um die Furcht, die im Verstand wohnt, zu überwinden, müssen wir unseren Verstand täglich leer machen. Unser Verstand ist voller Zweifel, Dunkelheit, Unwissenheit, Misstrauen und anderer Dinge. Versuche früh am Morgen ungefähr zehn Minuten lang, keinen einzigen Gedanken zu haben, ob gut oder schlecht, göttlich oder ungöttlich. Wenn ein Gedanke kommt, lass ihn nicht ein. Nach einiger Zeit kannst du dann nur den göttlichen Gedanken, die deine Freunde sind, Einlass gewähren. Anfangs weißt du vielleicht nicht, welcher Gedanke dein Freund und welcher dein Feind ist, deshalb musst du sehr vorsichtig sein. Deine Freunde sind göttliche Gedanken, aufbauende, erleuchtende Gedanken, die die Furcht in deinem Verstand besiegen können. Stell dir deinen Verstand wie ein Gefäß vor. Leere ihn zuerst und warte dann, bis Frieden, Licht und Seligkeit herabkommen. Wenn du das Gefäß nicht zuerst leer machst, können Frieden, Licht und Seligkeit nicht hineinströmen.

Wie können wir frei von Furcht werden?

Sri Chinmoy: Furcht kann in allen Teilen unseres Wesens wohnen: in unserem Körper, in der Lebensenergie, im Verstand und im Herzen. Was wir brauchen, um unseren Körper von Furcht zu befreien, ist die machtvolle Erfahrung unserer Seele. Was wir brauchen, um unsere Lebensenergie von Furcht zu befreien, ist die dynamische Ausdehnung unserer Seele. Was wir brauchen, um unseren Verstand von Furcht zu befreien, ist die verwandelnde Erleuchtung durch unsere Seele. Was wir schließlich brauchen, um unser Herz von Furcht zu befreien, ist die erfüllende Vollkommenheit unserer Seele.
Im allgemeinen erfahren wir Furcht im Verstand und nicht im Herzen. Das strebende Herz weiß, wie es sein untrennbares Einssein mit der Wirklichkeit innen und außen herstellen kann. Doch dem zweifelnden, misstrauischen und spitzfindigen Verstand fällt es schwer, die Wirklichkeit, die unmittelbar vor uns erblüht, zu akzeptieren. Der Verstand misstraut der Wirklichkeit, die vor ihm steht. Und schließlich kommt sogar der Augenblick, da der Verstand zu seiner eigenen Überraschung sein eigenes Urteil anzweifelt. Zu diesem Zeitpunkt verspürt der Verstand ein überwältigendes Gefühl der Unzufriedenheit. Einst war er der Richter, und nun ist er zum Opfer seiner eigenen Urteile geworden. Das Herz aber versucht von Anfang an, sich mit der Wirklichkeit, die es umgibt, zu identifizieren. Durch seine Identifikation mit dieser Wirklichkeit nimmt es auf, was diese Wirklichkeit ist und wofür sie steht. Wenn wir im strebenden Herzen leben, im Herzen, das nach der alldurchdringenden Einsseins-Wirklichkeit schreit, dann kann die Qual der Furcht leicht ein Ende finden.

Weshalb existiert Furcht?

Sri Chinmoy: Furcht kann verschiedene Ursachen haben, doch zumeist entsteht sie aus unserem Gefühl des Getrenntseins. Wenn ich das Gefühl habe, dass du zu mir gehörst, ein Teil meiner selbst bist, dann habe ich keine Angst vor dir, wie stark und mächtig du auch sein magst. Ein Kind fürchtet sich nicht vor der Stärke seines Vaters. Der Vater ist vielleicht einen Meter neunzig groß, kräftig gebaut und muskulös. Jeder hat Angst vor seiner körperlichen Kraft, doch das Kind geht einfach auf seinen Vater zu und spielt mit ihm. Wie stark der Vater auch sein mag, das Kind fürchtet sich nicht vor ihm, weil es sein inneres Einssein mit ihm entwickelt hat. Es betrachtet die Stärke des Vaters als seine eigene.
Wir empfinden die Welt um uns herum oft als furchterregend und bedrohlich. Sie ruft unnötige Angst in unserem Verstand oder unserem Dasein hervor. Warum? Weil wir unsere Einsseins-Wirklichkeit mit ihr noch nicht hergestellt haben. Furcht oder Angst machen sich breit, wenn unser Gefühl des Getrenntseins die Oberhand hat. Furcht existiert, weil wir bewusst oder unbewusst von der alldurchdringenden Wirklichkeit, die wir ewig sind, getrennt bleiben wollen.

Ist Mut eine Notwendigkeit im spirituellen Leben?

Sri Chinmoy: Mut ist eine absolute Notwendigkeit im spirituellen Leben. Allein das spirituelle Leben anzunehmen, verlangt ungeheuren Mut. Dieser Mut ist jedoch nicht der Mut eines selbstherrlichen, rohen Menschen, der andere zu Boden schlägt, um seine Überlegenheit zu beweisen. Er ist etwas völlig anderes. Dieser Mut ist unser ständiges Gewahrsein der Wirklichkeit, in die wir eintreten, zu der wir werden und die wir offenbaren werden.
Furcht ist eine negative, zerstörerische Kraft, und wir sind die Soldaten, die gegen sie ankämpfen. Furcht entsteht durch Dunkelheit, durch Unwissenheit. Wenn wir einen Raum betreten, der in tiefster Dunkelheit liegt, fürchten wir uns. Doch sobald wir das Licht anmachen, wird die Dunkelheit erleuchtet und unsere Furcht verschwindet.

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