Hingabe

Hingabe bedeutet eine bewusste Entscheidung für das Göttliche. Wahre Hingabe bezieht sich deshalb auf den ganzen Menschen, sein inneres und äußeres Leben. Ein Meditationsmeister wie Sri Chinmoy hat sich vollkommen dieser höheren Kraft durch seine tiefe Meditation überantwortet. Aus diesem Grund wirken seine Ratschläge so authentisch, denn sie entspringen dem allem zugrunde liegenden höchsten Selbst, der letztendlichen Freude.

Wie entwickeln wir die höchste Weisheit?

Sri Chinmoy: Wenn ich vor dir stehe und mich verbeuge, vor wem verbeuge ich mich? Ich verbeuge mich vor dem Supreme, dem Höchsten in dir. Auch wenn du dich verbeugst, wenn du deine Hände faltest, verbeugst du dich vor dem Supreme in mir. Mein Höchstes und dein Höchstes können nie zwei verschiedene Dinge sein. Dein Höchstes und mein Höchstes sind dasselbe, aber ich bin mir deines Höchsten bewusst, du bist es leider noch nicht. Deshalb hämmere ich euch dauernd die Idee ein, dass jeder von uns ein auserwähltes Kind des Supreme ist, das liebste Kind des Supreme und daher ein jeder unendliche Gelegenheiten und Fähigkeiten hat, den Supreme hier auf Erden zu erfüllen.
Durch unsere Liebe, unsere Ergebenheit und unsere Selbsthingabe entwickeln wir höchste Weisheit. Die Leute stehen unter dem falschen Eindruck, dass höchstes Wissen aus einem Buch kommen muss. Doch ein strebender Mensch hat erkannt, dass Bücher nur geistige Informationen geben. Wissen kommt allein von Gott, der Liebe ist. Mit Informationen sind wir nicht zufrieden. Wir sind nur mit unserer inneren Existenz, unserer inneren Wirklichkeit, unserer transzendentalen Vision zufrieden. Wir können das Licht nicht nur erreichen, fühlen und verwirklichen, wir können auch zum Licht selbst werden, wenn wir jeden Tag die Liebe, Ergebenheit und Selbsthingabe unserer Seele erneuern und uns dem Willen des Supreme hingeben.

Ist Hingabe kompliziert?

Sri Chinmoy: „Selbsthingabe“ ist ein sehr kompliziertes Wort in unserem spirituellen Wörterbuch. Ein Sucher mag das Wort „Selbsthingabe“ ständig verwenden, doch wenn es wirklich um Selbsthingabe geht, ist ein Schüler zu allem bereit – nur nicht zur Selbsthingabe.
Ein Schüler kam einst zu einem großen spirituellen Meister und sagte zu ihm: „Ich gebe dir meine ganze Existenz hin. Von jetzt an werde ich dein Sklave sein.“ Der spirituelle Meister sagte darauf zu ihm: „Dann tue bitte dieses.“ Der Schüler antwortete: „Oh nein, das ist zu schwierig. Doch sonst werde ich alles tun.“ Daraufhin sagte der Meister zu dem Schüler: „Dann tue bitte jenes.“ Wieder sagte der Schüler: „Oh nein, das ist zu schwierig. Alles andere werde ich tun.“ So wurde der arme spirituelle Meister fünfundzwanzig Mal abgewiesen. Daraufhin sagte der Meister: „Du bist zweifellos mein bester Schüler. Niemand kann ebenso groß, aufrichtig und hingebungsvoll sein wie du.“
In weiß, dass Selbsthingabe im Westen schwieriger ist als im Osten, aber „schwierig“ ist eines, „unmöglich“ ist etwas anderes. Wenn jemand behauptet, die Pflanze der Selbsthingabe könne im Westen nicht wachsen, dann liegt er mit seiner Meinung völlig falsch. Hier im Westen kann man Selbsthingabe im wahrsten Sinne, im göttlichsten Sinne beobachten, obwohl sie selten ist.

Was bedeutet Selbsthingabe?

Sri Chinmoy: Wenn wir unsere begrenzten Eigenschaften und Fähigkeiten – unsere Unwissenheit, Unvollkommenheiten und Beschränkungen – nicht dem unendlichen Jenseits hingeben, werden wir stets vom unendlichen Jenseits getrennt bleiben. Wir müssen uns völlig und bedingungslos hingeben. Dabei sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass diese Selbsthingabe gegenüber dem Höchsten in uns geschieht; es ist das Endliche, das sich dem Unendlichen hingibt.
Mit unserem menschlichen Ego, unserem menschlichen Willen oder unserer menschlichen Entschlossenheit können wir das Gesicht der Welt weder verändern noch verwandeln. Es ist unmöglich. Das bedeutet jedoch nicht, dass persönliche Anstrengungen wertlos sind. Persönliche Anstrengung muss ständig, unermüdlich und spontan erfolgen. Doch wir müssen die höchste Kraft anrufen, die uns im Geheimen und in der Stille inspiriert, diese persönliche Anstrengung zu machen. Persönliche Anstrengung hat keine eigene Existenz. Es ist die höhere göttliche Kraft, die höhere Kraft des unendlichen Jenseits, die uns im Geheimen nährt und inspiriert, damit wir in alles, was wir sagen, tun und werden, unsere persönliche Anstrengung, unseren Willen und unsere Entschlossenheit legen.

Wie können wir in unserem täglichen Leben mehr Freude und weniger Spannungen haben?

Sri Chinmoy: Mehr Freude können wir nur haben, wenn wir uns selbstlos geben, nicht wenn wir fordern. Spannungen gibt es, weil wir etwas auf unsere Weise getan haben wollen, während andere es auf ihre Weise getan haben wollen. Spannungen beginnen im Verstand, weil wir auf eine Weise Licht sehen und andere auf eine andere Weise. Daher gibt es keinen Frieden, keine Ausgewogenheit, nur Spannungen.
Spannungen entstehen auch, wenn wir etwas in einem Augenblick tun wollen, das zwei Stunden oder zwei Tage braucht. Wir müssen wissen, dass Gott das nicht so gemeint hat. Gott will, dass wir zwei Stunden oder zwei Tage brauchen, um die Aufgabe zu erfüllen. Wenn wir uns an Gottes Stunde und nicht an unsere eigene halten können, werden wir Freude erhalten. Spannungen verlassen den Verstand des Suchers, wenn er die Kunst der Hingabe an Gottes Willen erlernt.
Wir müssen sehen, dass Gott nicht nur in uns wirkt, sondern auch in anderen. Gott wirkt auch in unseren sogenannten Feinden. Doch sie sind nicht unsere wirklichen Feinde. Unsere wirklichen Feinde sind unser Zweifel, unsere Angst und unsere Sorgen. Wenn wir uns nicht danach sehnen, andere zu vervollkommnen, sondern nur versuchen, unser eigenes Leben zu vervollkommnen, werden wir Freude erhalten. Auch wenn wir nichts von anderen Menschen, sondern alles nur von Gott erwarten, werden wir Freude erhalten. Wenn wir fühlen können, dass wir nicht unentbehrlich sind, dass die Welt ohne uns sehr wohl weiterexistieren kann, werden wir Freude erhalten. Auf diese Art und Weise können wir alle in unserem spirituellen Leben Freude im Überfluss erhalten.

Weshalb ist eine Selbst-Hingabe so außerordentlich wichtig?

Sri Chinmoy: Ein spiritueller Sucher will Wahrheit, Licht, Frieden und Segen durch seine Selbsthingabe erlangen, denn seine Selbsthingabe ist sein Gottwerden. Wenn er bewusst zu dem wird, was er ewig gewesen ist, weiß er, dass das Leben kein Traum, sondern eine Wirklichkeit ist, dass das Leben nicht nur der Botschafter oder der Bote der Befriedigung ist, sondern auch die wirkliche Befriedigung selbst. Gott erfährt Sich Selbst im Leben und durch das Leben, das eine Manifestation Seines Lichts und Seiner Wonne ist. Der Sucher weiß, dass er heute von Gott ist, und dass er morgen für Gott sein wird. Er ist von Gott: das ist seine Verwirklichung. Er ist für Gott: das ist seine Enthüllung und Manifestation.
In unserem gewöhnlichen Leben werden wir nicht zufrieden sein, ganz gleich wieviel materiellen Wohlstand wir haben, ganz gleich wieviel äußere Autorität wir ausüben können. Zufriedenheit ist in der heutigen äußeren Welt nicht zu finden, ganz gleich was wir tun, was wir sagen oder was wir erreichen. Aber die Unzulänglichkeit von heute ist keine und kann keine bleibende Wirklichkeit in unserem Leben sein. Wenn das Licht unserer inneren Welt größer wird und zum Vorschein kommt, erscheint automatisch Zufriedenheit in unserem gewidmeten Verstand und in unserem hingebungsvollen Herzen. Was wir von unserem Leben wollen ist Zufriedenheit - nicht mehr und nicht weniger. Diese Zufriedenheit erreichen wir unausweichlich, vorausgesetzt, wir tauchen tief in uns ein und wenden uns der äußeren Welt von der inneren Welt aus zu.
Lasst uns in die innere Welt eintreten und die Fülle, das Eldorado der inneren Welt zum Vorschein bringen und es mit der äußeren Welt teilen. Heute haben wir eine unerfüllende oder unerfüllte Erfahrung. Aber morgen können wir zweifellos eine erfüllende und erfüllte Erfahrung von Göttlichkeit und Unsterblichkeit haben, vorausgesetzt, wir streben. Nach was streben wir? Wir streben nur nach dem Höchsten, nach dem Letztendlichen, nach dem absoluten Supreme. Wie streben wir? Wir streben durch ständige Selbsthingabe. Und die Selbsthingabe von heute ist das Gottwerden von morgen.

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