Handeln

Handeln ist besser als Nicht-Handeln, sagen die alten indischen Schriften. Ein Mensch der äußeren Tat ist ein kraftvoller und mutiger Streiter auf der Erdenbühne. In diesem Handeln, diesem vorwärts gerichtetem Streben, findet er Erfüllung, Freude und letztendlich sich selbst.

In welcher Haltung sollte man handeln und anderen helfen?

Sri Chinmoy: In welcher Haltung sollte man anderen helfen?
Sri Chinmoy: Während du handelst, um anderen zu helfen, musst du fühlen, dass die Hilfe, die du leistest, nicht von dir kommt. Nicht du unterstützt, führst und formst einen bestimmten Menschen; sondern dein innerer Führer. Du musst zu einem reinen Kanal werden. Wenn du jemanden berührst oder mit jemandem sprichst, fühle, dass du nur ein Kanal bist.
Angenommen, du weißt nicht, was die Wahrheit ist, aber du besitzt inneres seelenvolles Streben und du hegst aufrichtige Anteilnahme für jemanden. Du willst ihm helfen, doch du weißt nicht, was du sagen sollst. Überlege dir in einem solchen Fall nicht, wie du ihm helfen oder was du ihm sagen wirst oder wie du dich der Wahrheit nähern sollst. Mach aus deinem Verstand ein leeres Gefäß. Warte, bis sich das Gefäß mit Gottes Licht und Weisheit füllt und teile es dann mit ihm. Wie kannst du das tun? Nur durch deine ständige Selbsthingabe.
Das Wort „Selbsthingabe“ ist sehr schwierig zu verstehen, doch sobald du damit beginnst dich selbst hinzugeben, wirst du sehen, dass es ganz leicht ist. Du widmest dich dem Höchsten, dem Teil deiner selbst, der dir noch verborgen ist. Selbsthingabe bedeutet nicht, dich einer dritten Person – jemandem, der dir fremd ist und der dich auf seine eigene Weise verwenden wird – zu unterwerfen. Nein! Du trittst in dein eigenes Höchstes und Tiefstes ein und wenn du dies einmal tust, kannst du das Höchste und Tiefste durch dich fließen lassen, um den anderen zu helfen.
Du kannst und sollst anderen Menschen helfen, doch fühle dabei, dass du nur ein Instrument, ein Kanal bist und nicht ein Helfer. Wenn du die Haltung eines Helfers annimmst und zu helfen glaubst, dann kannst du spirituell noch so fortgeschritten sein – deine Hilfe wird keinen Wert haben. Wenn du dich jedoch als Instrument fühlst, bist du jederzeit berechtigt zu helfen.
Gleichzeitig sollte man sich darüber bewusst sein, ob man überhaupt etwas anzubieten hat. Manche Menschen haben ein großes Ego und wollen mit ihrem Ego helfen. Es gibt andere Menschen, die nur ein spontanes Gefühl haben anderen helfen zu müssen. Es geschieht nicht aus ihrem Ego heraus, doch auch sie machen einen Fehler, weil sie nicht als bewusste Instrumente des Supreme handeln. Dann gibt es eine dritte Kategorie von Menschen: jene, welche die Fähigkeit haben und ständig vom Göttlichen, vom Supreme, geführt werden. Sie helfen und dienen, weil das Göttliche will, dass sie helfen.
Du solltest weiterhin Menschen helfen, aber nur im Bewusstsein, dass du deiner ewigen Quelle, deiner inneren Quelle treu bleiben wirst. Bitte bleibe immer deiner inneren Aufgabe und deiner inneren Fähigkeit treu. Sei dir bewusst, wie weit du eine Person führen kannst und wie weit du die Verantwortung für eine Person übernehmen kannst. Versuche auch bitte, das Endresultat zu sehen, wenn du jemandem hilfst, sonst wird sich morgen die Erleichterung von heute in ein größeres und schwierigeres Problem verwandeln.

Wie sollten wir handeln, um anderen zu helfen?

Sri Chinmoy: Wenn jemand nicht aufrichtig handelt und sich im Namen der Nächstenliebe nur hervortut, wenn er den Menschen nicht ergeben hilft, sondern fühlt, dass ihn sein eigenes Ego zum Helfen und Handeln veranlasst, dann ist dies kein Dienst aus Liebe. Du kannst jemandem mit Ergebenheit dienen, doch du kannst auch etwas für jemanden tun, weil du dein Ego nähren willst. Du kannst einer bedürftigen Person Geld geben, um Gott zu gefallen, aber du kannst auch jemandem Geld geben, um dein eigenes Ego aufzublähen.
Anderen zu helfen, um dein Ego zu befriedigen, ist nutzlos. Du musst wissen, dass dies ein ernsthafter Fehler ist und deinen eigenen Fortschritt hinauszögert. Daher ist es am besten zu lauschen, ob du einen inneren Befehl bekommst anderen zu helfen. Wenn du einen inneren Befehl fühlst auf diese Weise zu arbeiten, versuche als Nächstes diese Arbeit mit Ergebenheit zu verrichten. Du solltest dem inneren Führer dankbar sein, dass Er dir erlaubt Ihm auf diese Weise zu dienen. Wenn du jedoch keinen Befehl von einer inneren, höheren Quelle erhältst, solltest du dir darüber im Klaren sein, dass deine Handlungen von deinem Ego motiviert sind; in diesem Fall solltest du aufhören.
Aus diesem Grund sollte man, wenn man anderen helfen möchte, zuerst den Grund für diesen Wunsch bestimmen. Kommt der Wunsch von der Seele oder ist er vom Ego motiviert? Wenn der Sucher aufrichtig ist, jedoch keinen spirituellen Meister hat, kann er durch tiefe Meditation göttliche Führung erhalten. Wenn man aber ein wirkliches inneres Einssein mit dem Bewusstsein eines spirituellen Meisters errichtet hat, wird der Meister den Sucher beraten und zugleich auch die Verantwortung für das Handeln des Schülers übernehmen.
Bei jeder Handlung spielt auch der Zeitpunkt eine wichtige Rolle. Wenn es Gottes Wille ist, dass einem hilfesuchenden Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt durch einen bestimmten Sucher Hilfe zukommen soll, wird der Sucher entweder durch seine eigene Meditation oder durch seinen spirituellen Meister dazu geführt werden. Der Meister wird sagen, welche Tätigkeit getan werden muss und die Verantwortung dafür übernehmen. Doch wenn der Sucher etwas auf eigene Faust unternimmt und es nicht Gottes Wille ist, dass dem Empfangenden auf diese Weise oder zu diesem Zeitpunkt geholfen wird, dann läuft diese Handlung dem höchsten Wohle des Hilfe-Empfangenden und des Suchers zuwider. In diesem Fall muss der Sucher die Verantwortung für seine möglicherweise falsche Handlung tragen.

Ich bin ein Student. Wie kann ich studieren und handeln und mir dennoch Gott vor Augen halten?

Sri Chinmoy: Es ist sehr einfach. Wenn du studierst und handelst, um ein Diplom zu erhalten, so dass du von jedem anerkannt wirst, wenn du studierst, um der weiseste Mensch auf Erden zu werden, damit du zum Lehrer der Welt wirst, dann ist es für dich unmöglich, dir Gott vor Augen zu halten. Wenn du einen Titel für dein Ansehen und deine Berühmtheit für deine eigenen Existenz auf der Erde benötigst, kannst du dir Gott nicht vor Augen halten.
Du solltest fühlen, dass du nur deshalb studierst, weil du die Notwendigkeit verspürst, Gott zu gefallen, nur deshalb, weil Gott will, dass du wächst und studierst. Du musst ständig fühlen, dass du nicht studierst, um dir selbst oder deinen Familienangehörigen zu gefallen, sondern nur, um Gott zu gefallen. Fühle, dass Gott wie eine Mutter ist, die ihr Kind beim Studieren beobachtet. Indem du Gott gefällst, gefällst du deinen Verwandten, deinem eigenen Selbst. Aber Gott sollte zuerst kommen.
Studieren selbst ist eine Art Dienen. Du solltest dein Studium als eine Form des Dienstes an Gott betrachten. Wenn du fleißig studierst und gute Noten erhältst, weil du es als deinen Dienst an Gott betrachtest, dann gefällst du Gott. Heute will Er, dass du studierst und morgen, nachdem du dein Studium beendet hast, wird Gott dich innerlich darum bitten zu arbeiten. Dann wirst du das tun. Übermorgen verlangt Er vielleicht wieder etwas anderes von dir. So musst du Gott in jeder Hinsicht auf Seine eigene Weise gefallen.
Das Studium stellt auf dem spirituellen Weg kein Hindernis dar. Du widmest dich täglich sechs, sieben oder acht Stunden deinem Studium. Du musst dein Leben disziplinieren. In einigen Jahren wirst du die Fähigkeiten, die du während des Studiums erlangt hast, in deinem spirituellen Leben anwenden können. Disziplin ist in jedem Bereich des Lebens schätzens- und bewundernswert, denn sie ist eine Art Kraft. Gott wird dich bitten, mit dieser Kraft etwas zu bauen oder etwas niederzureißen. Wenn du Kraft in deinen Armen besitzt, kannst du ein schweres Gewicht heben. Wenn etwas zerbrochen werden muss, kannst du es zerbrechen. Und wenn etwas repariert werden muss, kannst du das auch.

Was sollten wir beim Handeln fühlen?

Sri Chinmoy: Wenn wir arbeiten, können und sollten wir fühlen, dass wir für Gott arbeiten. Im Augenblick magst du deine äußere Arbeit einfach nur als Arbeit ansehen. Doch wenn du Arbeit als eine Gelegenheit betrachten kannst, deine göttlichen Fähigkeiten auszudrücken oder deine guten Eigenschaften zum Vorschein zu bringen, dann arbeitest du in diesem Augenblick ganz gewiss für Gott. Wenn du bewusst fühlst, dass du für Gott arbeitest, bewegst du dich auf dein Ziel der Vollkommenheit zu.
Versuche, in all deinen Tätigkeiten die Anwesenheit Gottes zu fühlen. Während du beispielsweise dein Kind fütterst, stell dir vor, dass du Gott in ihm nährst. Während du dich mit jemandem im Büro unterhältst, kannst du dir vorstellen, zum Göttlichen in diesem Menschen zu sprechen.

Müssen wir handeln, um Erfüllung zu finden?

Sri Chinmoy: Wenn du glaubst, dass du dich aus dem äußeren Leben zurückziehen musst, um Frieden zu erlangen, unterliegst du einem großen Irrtum. Im Rückzug aus dem Leben werden wir niemals Erfüllung finden. Im Tätigsein machen wir Fortschritt und erreichen etwas. Im Handeln, im schöpferischen Tun und in der Manifestation finden wir Erfüllung und Zufriedenheit.
Betrachten wir einen Fluss. Ein Fluss fließt unaufhörlich in Richtung Meer. Er trägt dabei alle möglichen Dinge mit sich – Schmutz, Steine, Blätter, Sand –, die er auf dem Weg zu seinem Ziel aufnimmt, doch er bleibt stets in Bewegung. Wir sollten unser Leben auch als einen Fluss sehen, der dem Meer der Erfüllung entgegenströmt. Wenn wir Angst davor haben zu handeln, weil wir nicht mit den Unvollkommenheiten der äußeren Welt in Berührung kommen wollen, werden wir unser Ziel niemals erreichen.
Wir müssen handeln. Wenn wir uns aus dem Leben zurückziehen, erklären wir damit Gott bewusst und in voller Absicht, dass wir in Seinem Spiel nicht mitspielen wollen. Wenn wir allerdings ein bestimmtes Ergebnis von unserem Handeln erwarten, wird Frieden niemals in unser Leben einkehren. Wir werden enttäuscht sein, wenn das Ergebnis nicht unseren Erwartungen entspricht. Wir werden denken, dass wir versagt haben. Wenn das geschieht, kann es für uns natürlich keinen Frieden geben.
Wir sollten fühlen, dass Handeln selbst ein großer Segen ist; das Ergebnis unserer Handlung jedoch müssen wir als eine Erfahrung betrachten. Mit unserer eigenen begrenzten Sichtweise werden wir das Resultat entweder als Fehlschlag oder als Erfolg auffassen. Aus der Sicht Gottes jedoch sind Misserfolg wie Erfolg nur Erfahrungen, die helfen, unser Bewusstsein weiterzuentwickeln. Was auch immer geschieht, wir sollten das Ergebnis unseres Handelns als die Erfahrung ansehen, die Gott uns geben wollte. Heute gibt Er uns vielleicht die Erfahrung des Misserfolgs. Morgen kann Er uns eine andere Erfahrung geben, die uns äußerlich zufrieden stellt. Welches Ergebnis wir auch immer von unserem Handeln erhalten, wir sollten stets versuchen, damit zufrieden zu sein.

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