Fortschritt

Der Wunsch nach Fortschritt und Transzendenz liegt in jedem Menschen verborgen. "Die Reise selbst ist erfüllender als das Ziel", sagt der spirituelle Lehrer Sri Chinmoy in diesem Zusammenhang. Dieses stetige vorwärts Schreiten im äußeren Leben und in der Meditation ist deshalb auch eines der Grundbedürfnisse des Menschen, denn es schenkt ihm wahre Erfüllung und Freude.

Was ist Transzendenz?

Sri Chinmoy: Transzendenz ist ein nie endendes Emporsteigen, eine dynamische Wirklichkeit. Auch das Ziel ist eine sich transzendierende Wirklichkeit. Warum wollen wir transzendieren? Wir wollen transzendieren, weil wir im Inneren und im Äußeren Erfüllung brauchen. Wie erreichen wir Erfüllung? Wir erreichen Erfüllung, indem wir zu einer aufsteigenden Flamme der Strebsamkeit werden. Und wenn wir eine aufsteigende Flamme des inneren Strebens werden, wird Erfüllung durch den Gott-Liebenden in uns, durch den Wahrheits-Diener in uns erlangt.
Unsere Welt hat zwei Wirklichkeiten, die wir benützen, um uns zu transzendieren. Die Unwissenheits-Nacht ist die eine Wirklichkeit, und das Weisheits-Licht ist die andere Wirklichkeit. Die Unwissenheits-Nacht besiegen wir. Indem wir sie besiegen, transzendieren wir die Wirklichkeit, die wir seit Jahrtausenden gezwungenermaßen verkörpern. Weisheits-Licht sind wir innerlich. Wenn wir uns des Weisheits-Lichtes in uns gewahr werden, vollständig gewahr werden, transzendieren wir die Wirklichkeit, die wir bereits sind, und wachsen in eine höhere Wirklichkeit hinein. Die Unwissenheit besiegen wir, und indem wir die Unwissenheit besiegen, gewinnen wir Erfüllung. Wissen vergrößern wir, und indem wir unser Wissen vergrößern, gewinnen wir Erfüllung.
Transzendenz und Vollkommenheit geben uns etwas außerordentlich Bedeutsames: Erfüllung. Diese Erfüllung ist in Gott, sie ist von Gott, sie ist für Gott, und schließlich ist sie Gott Selbst. In unserer Welt der Wirklichkeit gibt es eine ganze Reihe Sprossen auf der Erfüllungs-Leiter. Es beginnt mit Vorstellung, dann folgt Inspiration, dann Strebsamkeit, dann Verwirklichung, dann Enthüllung und dann Manifestation.

Weshalb ist Fortschritt eine tiefere spirituelle Erfahrung als Erfolg?

Sri Chinmoy: Erfolg lässt den Menschen fühlen, dass Macht Recht ist. Darum kommt in der Welt des Erfolges der einzelne Mensch zuerst und Gott kommt danach. Das sagt uns der Erfolg, aber der Fortschritt sagt uns, dass Macht Gottes Mitleid ist und dass Recht auch Gottes Mitleid ist. Der Fortschritt sagt uns noch etwas Bedeutungsvolles: Gott kommt zuerst, und Gott kommt zuletzt; dazwischen ist der Platz des Suchers.
Das äußere Zeichen von Fortschritt ist innere Freude. Diese innere Freude ist nicht wie ein wild gewordener Elefant. Diese innere Freude ist etwas sehr Süßes, Intensives und etwas fortwährend Erfüllendes. Sie ist jeden Augenblick erfüllend in unseren Gedanken und erfüllend in unseren Taten, für alle, die mit uns in Berührung kommen, und für alle, die an uns denken. Das ist innere Freude.

Wie unterscheiden sich Erfolg und Fortschritt?

Sri Chinmoy: Erfolg ist in der Welt des Begehrens. Fortschritt ist in der Welt des Strebens. Wir sind erfolgreich im Leben. Es gelingt uns, unsere Ambitionen zu erfüllen. Doch im äußeren Erfolg gibt es keine Garantie dafür, dass wir glücklich sein werden, selbst wenn wir großen Erfolg, größeren Erfolg und größten Erfolg haben. Mit Fortschritt dagegen werden wir glücklich, selbst wenn wir nur ein ganz klein wenig Fortschritt machen, und dieses Glücklichsein ist von Dauer. Erfolg gehört zu unserem Erd-Bewusstsein. Fortschritt gehört zu unserem Himmels-Bewusstsein. Erfolg lässt uns fühlen, dass wir alles tun können. Im Erfolg fühlen wir, dass in Wirklichkeit wir die Handelnden sind. Fortschritt lässt uns fühlen, dass nicht wir die Handelnden sind. Fortschritt lässt uns fühlen, dass es tief in uns eine unsichtbare Kraft gibt, die unseren Fortschritt ermutigt und inspiriert, und dass in diesem Fortschritt unser ständiges Glücklichsein liegt. Diese unsichtbare Kraft ist der tatsächlich Handelnde: Gott ist der Handelnde. Das lernen wir von unserem Fortschritt.
Der Sucher marschiert zuerst auf der Straße des Erfolges, aber diese Straße kann ihm das Ziel nicht zeigen. Dann wandert der Sucher auf einer anderen Straße, der Straße des Fortschritts. Hier trifft er in jedem Augenblick auf Freude und Erfüllung, denn in jedem Augenblick sieht er ein Ziel. Selbstverständlich ist dieses Ziel nur der Ausgangspunkt für ein neues, erfüllenderes und erleuchtenderes Ziel.

Wie gelangen wie von Freude zu größerer Freude?

Sri Chinmoy: Die Leiter des Lebens steht direkt vor uns. Sie hat eine ganze Reihe von Sprossen. Wenn wir die erste Sprosse erklommen und genug Vertrauen haben, können wir auf eine höhere Sprosse steigen. Auf diese Weise bewegen wir uns von Freude zu größerer Freude zu größter Freude. Doch wenn wir auf der ersten Sprosse unzufrieden sind, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass uns auch die höheren Sprossen nicht zufrieden stellen werden. Wir müssen wissen, dass der Fortschritt im Leben gleich ist wie der Fortschritt in der Schule. Vom Kindergarten gehen wir in die Grundschule, dann in die Hauptschule, ins Gymnasium, an die Universität, und so fort. Zu jedem Zeitpunkt müssen wir mit dem Verlauf unserer Studien zufrieden sein, sonst werden wir nicht gut studieren und nicht zur nächst höheren Stufe weiterkommen. Doch im Innern unserer Zufriedenheit sollten wir immer nach einem höheren Ziel streben. Göttliche Zufriedenheit ist kein selbstgefälliges Gefühl. Wenn wir selbstgefällig werden, sind wir zur Enttäuschung verurteilt, weil wir dann kein höheres Ziel mehr vor uns haben und überhaupt keinen Fortschritt mehr machen. Wir müssen im jeweils Erreichten Erfüllung finden, und gleichzeitig müssen wir fühlen, dass dies nicht die höchste und letzte Errungenschaft ist. Das Ziel von heute kann nie das letzte Ziel sein. Das Ziel von heute muss der Ausgangspunkt von morgen sein, und das Ziel von morgen muss der Ausgangspunkt von übermorgen sein.

Sind Fortschritt und Erfolg dasselbe?

Sri Chinmoy: Denke nicht an den Erfolg. Erfolg beendet deine Reise, aber Fortschritt endet nie. Wenn du ein festes Ziel hast und du dieses Ziel erreichst, ist das dein Erfolg. Damit bist du fertig; danach wirst du nichts mehr tun. Doch wenn du kein festes Ziel hast, gehst du ständig weiter. Du machst Fortschritt, und im ständigen Fortschritt geht dein Ziel immer weiter, weiter, weiter. Das gibt dir die größte Befriedigung. Gib dich also nicht mit Erfolg zufrieden; Erfolg beendet die Reise. Fortschritt geht weiter. Und jedes Mal, wenn du Fortschritt machst, ist es eine echte Form von Erfolg. Fühle in deiner Meditation jeden Tag, dass du noch tiefer tauchen, noch höher fliegen wirst. Dann wirst du ein bewusstes Gefühl für den Supreme und für deinen Lehrer aufrechterhalten können, weil du auf der Reise zu einem ewigen Ziel bist.

In welcher Verbindung stehen Fortschritt und Freude?

Sri Chinmoy: Du versuchst immer, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Wenn du fünfzig Meter weit laufen kannst, fühlst du, dass du deine Rolle gespielt hast. Wenn du an einem Tag keine fünfzig Meter laufen kannst, weil dein Magen nicht in Ordnung ist, fühlst du dich schlecht. Aber Gott will nicht, dass du mit fünfzig Metern zufrieden bist. Er will, dass dein Ziel 51, 52, 53 und 54 Meter sind. Wenn du ein höheres Ziel hast, nimmt deine Strebsamkeit automatisch zu. Wenn du hingegen mit dem gleichen Leistungsvermögen das gleiche Ziel anstrebst, gehst du nicht sehr weit, und dein inneres Leben wird eintönig. Doch wenn du fühlst, dass dein Ziel sich ständig transzendiert, dann erhältst du in deiner Errungenschaft und in deinem Fortschritt fortwährend Freude.

Wie machen wir durch Freude inneren Fortschritt?

Sri Chinmoy: Freude und Fröhlichkeit bedeuten kein Leben des Vergnügens. Nein! Freude ist das bewusste Gewahrsein unserer inneren Göttlichkeit. Wenn wir glücklich sind, wenn wir wirklich glücklich sind, machen wir wirklichen Fortschritt. Man kann vielleicht durch Leiden Fortschritt machen, aber bevor man Fortschritt macht, verwünscht man Gott: „Er ist glücklich, sie ist glücklich, alle sind glücklich. Wie kommt es, dass ich leide?“ Bevor wir also wirklich nach Licht schreien, missverstehen wir Gott sehr oft, kritisieren Gott und finden, Er sei im Unrecht. Aber wenn wir glücklich sind, kritisieren wir Gott nicht. Im Gegenteil, wir zeigen unsere Dankbarkeit. Er hat uns glücklich gemacht, wogegen es viele gibt, die immer noch unglücklich sind, weil sie im Vergnügen der Unwissenheit schwelgen. Wenn wir ein glückliches Herz werden, bewegen wir uns vorwärts, tauchen tief in uns und fliegen. Wenn wir so weit sind, machen wir beträchtlichen Fortschritt. Fortschritt ist in der Bewegung, aber diese Bewegung kommt nur zustande, wenn wir Freude haben und Freude sind.
Wenn du unzufrieden oder frustriert bist, wenn du fühlst, dass du etwas nicht erreicht hast, was du erreichen wolltest, dann bedeutet das nicht unbedingt, dass du inneren Hunger hast. Aber nehmen wir an, du fühlst, dass es in dir etwas Weites gibt, etwas Leuchtendes, etwas Erfüllendes, etwas Positives, das du gerade jetzt nicht hast. Du denkst, dass es in dir Frieden gibt, aber du hast keinen Zugang dazu. Wenn du denkst, dass es in dir etwas Göttliches gibt, und dass du dieses Göttliche brauchst, dann bedeutet das, dass Strebsamkeit vorhanden ist. Hunger kommt von deinem spirituellen Bedürfnis. Wenn du etwas brauchst, und du weißt, wo dieses Etwas zu finden ist, dann wirst du versuchen, es zu erhalten. Wenn du diesen Hunger hast, dann besteht der nächste Schritt darin, ihn zu stillen.

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