Dienen

Dienen und Helfen sind zwei unterschiedliche Dinge. Dienen ist Ego-los und führt den Menschen hin zu einem Gefühl des Einsseins mit allem Existierenden, zur innersten Freude. Daher kann es nichts Erfüllenderes als den Dienst an der Schöpfung geben - den letztendlichen, erweiterten Dienst an sich selbst.

Warum wird Dienen oft missverstanden?

Sri Chinmoy: Das Dienen wird sehr oft missverstanden. Wir glauben, wenn wir dienen, müssen wir jedem einzelnen Menschen auf dieser Welt dienen. Aber wir wissen, dass wir im spirituellen Leben nur jenen Menschen unseren Dienst anbieten dürfen, die bereit sind zu empfangen. Andernfalls würde unser Dienst missverstanden. Wenn jemand tief schläft und du versuchst ihn aufzuwecken, weil du siehst, dass die Sonne scheint, wird er vielleicht ungehalten oder zornig sein und sagen: „Mit welchem Recht störst du meinen heiligen Schlaf?“ Unser Dienst kann nur dann wirklich von Nutzen sein, wenn er jemandem gilt, der erweckt werden will oder zumindest bereit ist, erweckt zu werden, der Licht will oder der Licht braucht.

Birgt selbstloses Dienen das höchste Geheimnis in sich?

Sri Chinmoy: Selbstloses Dienen birgt das höchste Geheimnis in sich: das Geheimnis des Einsseins mit Gottes Willen. Bevor wir etwas tun, müssen wir fühlen, dass in und durch uns eine göttliche Kraft wirkt. Wenn wir dann unser Vorhaben ausführen und das Ergebnis entweder in Form von Erfolg oder Misserfolg erhalten, müssen wir fühlen, dass uns der Supreme genau diese Erfahrung zugedacht hat, und wir müssen diese Erfahrung aus ganzem Herzen annehmen. Ist es Misserfolg, so betrachten wir ihn als eine Erfahrung. Haben wir Erfolg, so betrachten wir auch ihn als eine Erfahrung. Wir sollten das Ergebnis immer von ganzem Herzen annehmen und es dem Supreme zu Füßen legen. Auf diese Weise machen wir den schnellsten Fortschritt.
Dienen ist Selbst-Ausdehnung. Ein aufrichtiger Sucher dient nur aus einem Grund: weil er erkannt hat, dass es nichts anderes als Dienen gibt und geben kann. Wenn er der strebenden Menschheit dient, dann nur, weil ihn eine innere Notwendigkeit dazu antreibt.

Wenn wir beim selbstlosen Dienen zu lange an einer bestimmten Aufgabe arbeiten, sinkt unser Bewusstsein dann, so dass uns deshalb Fehler unterlaufen?

Sri Chinmoy: Wenn du über deine Fähigkeit hinaus arbeitest, ermüdest du geistig und in deiner Lebenskraft. Wenn du dann mit der Arbeit fortfährst, nur um weitere Stunden zu sammeln, wirst du nur alles ruinieren. Es ist dann ratsamer aufzuhören. Arbeite ergeben und seelenvoll drei, fünf oder sieben Stunden und ruhe dich dann aus. Was nützt es, immer weiter zu machen und nur noch Fehler zu begehen. Wenn deine Konzentration sinkt und du ermüdest, dann ist es an der Zeit aufzuhören. Allerdings solltest du stets versuchen, deine Empfänglichkeit zu vergrößern. Bete und meditiere, damit du einige Stunden länger arbeiten kannst; versuche die Fähigkeit zu entwickeln mehr zu arbeiten.

Ich würde gerne wissen, welche Form von spiritueller Aktivität in deinen Augen nützlicher ist: zu meditieren und der Menschheit Wohlwollen zu schenken oder an der äußeren Manifestation teilzunehmen?

Sri Chinmoy: Wie auch immer, du solltest wissen, welche Art von Dienst du anbietest. Viele der spirituellen Meister und verwirklichten Seelen Indiens haben niemals Vorträge gehalten oder Bücher geschrieben. Sie wollten nichts mit der Menschheit zu tun haben. Daher verbrachten sie ihre Zeit in den Höhlen des Himalaya und an anderen einsamen Orten. Während sie meditierten, schenkten sie der Menschheit ihr Wohlwollen. Dies war ihr hingegebener Dienst. Wenn man gute Gedanken verbreitet, ist das ganz sicher eine Form ergebenen Dienens.
Wenn aber jemand meditiert und gute Energie auf der inneren Ebene verbreitet und außerdem ergebenen Dienst auf der physischen Ebene leistet, dann gibt er mehr und sein ergebener Dienst ist größer. Wenn ich mit meinen Schülern meditiere, bringe ich Frieden, Licht und Seligkeit für sie herab und biete ihnen meinen inneren Reichtum an. Wenn ich zu den Vereinten Nationen und verschiedenen Universitäten gehe und Vorträge gebe und Meditationen halte, biete ich meinen ergebenen Dienst auch den Suchern an. Ich bin der Meinung, wenn jemand beide Hände gebrauchen kann, die innere gute Schwingung und den äußeren ergebenen Dienst, dann kann er einen besseren Beitrag für Mutter Erde leisten, als wenn er der Menschheit nur auf der inneren Ebene dienen würde.

Welche Rolle spielt selbstloses Dienen auf deinem Weg?

Sri Chinmoy: Auf unserem Weg spielt selbstloses Dienen eine bedeutende Rolle. Meditation und selbstloses Dienen sind beide von größter Wichtigkeit. Inneres Streben schließt Meditation und selbstloses Dienen mit ein. Wir können selbstloses Dienen nicht von Meditation trennen. Wenn wir meditieren, gehen wir hoch, sehr hoch hinauf. Wir treten in eine höhere Bewusstseinsebene ein, die wir anschließend zu manifestieren versuchen. Wenn wir sie nicht manifestieren, kann Mutter Erde keinen Nutzen daraus ziehen. Wenn wir auf den Baum klettern und Mangos pflücken, nähren wir uns selbst, doch dies hilft der Menschheit überhaupt nicht. Doch wenn wir herabkommen und die Mangos mit anderen teilen, die nicht klettern können, dann werden sie die Kraft erhalten, ebenfalls auf den Baum zu klettern. Diese Art selbstlosen Dienens hilft der Menschheit enorm.
Wenn wir selbstlos dienen, vergrößern wir unsere Fähigkeit. Gott ist allgegenwärtig. Er ist das universelle Bewusstsein. Wenn wir selbstlosen Dienst verrichten, fühlen wir ein Einssein mit der übrigen Menschheit und werden eins mit diesem universellen Bewusstsein. Sobald wir etwas selbstlos tun, dehnen wir unser Bewusstsein aus - vom Einen zu den Vielen. Das Einssein beginnt mit unseren spirituellen Brüdern und Schwestern und breitet sich anschließend auf die übrige Welt aus. Hier ist es eine Ausdehnung, eine Entdeckung seiner eigenen Wirklichkeit, die sich durch Selbstausdehnung erfüllt.
Doch wir sollten fühlen, dass dieses selbstlose Dienen keine Opfertat ist; es ist ein Akt des Entdeckens. Wenn wir es als Oper betrachten, werden wir eine Art Ego entwickeln. „Ich opfere alles für die anderen. Die anderen sind alles nutzlose Schlawiner. Sie geben mir nichts zurück. Ich bin der Einzige der gibt, all die anderen nehmen nur.“ Wenn wir es auf diese Weise betrachten, werden wir nur unser subtiles Ego entwickeln, das ein wirklicher Dieb in uns ist.
Wenn wir hingegen unseren selbstlosen Dienst als Entdeckung betrachten, fühlen wir, dass wir nur unser Bewusstsein erweitern. Unsere Hand lässt uns fühlen, dass unser Bein ebenfalls ein Teil unseres Wesens ist. Ohne unsere Hand können wir nicht vollkommen sein, ohne unser Bein können wir nicht vollkommen sein. Jedes Körperteil ist gleich wichtig.

Wie unterscheiden sich helfen und dienen?

Sri Chinmoy: Wir sollten vorsichtig sein, wenn wir den Ausdruck „helfen“ verwenden. Benützen wir stattdessen lieber das Wort „dienen“. Wenn wir jemandem dienen, haben wir Demut. Doch wenn wir das Gefühl haben, dass wir jemandem helfen, stellen sich sofort Stolz, Eitelkeit und Ego ein. Wenn wir helfen, haben wir das Gefühl, größere Fähigkeiten zu besitzen als der andere, und wenn wir Hilfe erhalten, fühlen wir, dass unsere Fähigkeiten geringer sind. Im Wort „helfen“ steckt das Gefühl von Überlegenheit und Unterlegenheit. Wenn wir jedoch seelenvoll dienen, kann es keinen Stolz geben, denn wir fühlen uns nicht überlegen. Wir fühlen, dass wir dem Höchsten im anderen dienen. Wenn wir dienen, lassen wir den anderen die Gegenwart des Supreme in ihm selbst fühlen. Wahrer Dienst geschieht in Demut und ist nur möglich mit echtem und beständigem inneren Streben.
Wenn wir in der Welt leben und für die Welt arbeiten möchten, sollte unsere Haltung eine Haltung selbstlosen Dienens sein. Wir haben eine goldene Gelegenheit erhalten, anderen zu dienen, und dafür sollten wir Gott dankbar sein.

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