Demut

Demut hat viel mit Loslassen zu tun, sagt der spirituelle Lehrer Sri Chinmoy. Dem Loslassen der eigenen "Ich-Struktur". Diese Auflösung des Egos ist das höchste Ziel der Meditation. Die Voraussetzung, um wahre Freude zu erlangen.

Wie ist es möglich, Demut und Kraft zugleich zu besitzen?

Sri Chinmoy: Wie ist es möglich, Kraft und Demut zugleich zu besitzen? Wir brauchen nur an eine Mutter zu denken. Eine Mutter ist viel stärker und weiser als ihr Kind. Aber die Mutter empfindet es nicht als unter ihrer Würde, die Füße des Kindes zu berühren. Sie weiß, dass sie es aus ihrem völligen Einssein mit ihrem Kind heraus tut. Die Mutter ist sehr groß, doch wenn sie ihrem Kind etwas zu Essen geben will, beugt sie sich zu ihm herab. Die Liebe des Kindes wird dadurch, dass sie sich herabbeugt, nicht geringer. Im Gegenteil, sie nimmt sogar beträchtlich zu. Das Kind sieht, wie groß seine Mutter ist und dass sie leicht auf ihrer Höhe bleiben könnte, während das Kind sich anstrengt, größer zu werden. Doch in ihrer Güte tut sie das nicht. Sie empfindet keine Überlegenheit, nur ein Gefühl des Einsseins. Demut bedeutet Einssein mit der Welt. Durch unsere Demut werden wir weit. Und Weite wiederum ist Kraft.

Ist Demut ein Zeichen von Schwäche?

Sri Chinmoy: Demut ist kein Zeichen von Feigheit. Seelenvolle Demut ist vielmehr eine Form göttlicher Kraft. Demut ist die Stärke der Seele. Was wir im Himmel “Demut” nennen, nennen wir auf der Erde “Stärke”. Wenn sich die Kraft der Seele offenbart, tut sie es durch Demut.
Der Kraft im Physischen, der Kraft in der Lebensenergie und der Kraft im Verstand fällt es schwer, demütig zu sein. Doch für die Kraft im Herzen ist es sehr leicht, demütig zu sein. Die Kraft des Herzens besitzt das Gefühl des Einsseins.

Wie kann mir Mutter Erde helfen, Demut zu erreichen?

Sri Chinmoy: Sieh die Demut der Mutter Erde an, die uns beschützt, nährt, und uns auf jede erdenkliche Weise versorgt. Wie viel Schlechtes haben wir Mutter Erde schon angetan! Dennoch ist sie voller Vergebung. Direkt vor unseren Füßen können wir Demut in einem Stück Gras entdecken. Wenn wir das Gras mit unseren menschlichen Augen betrachten, haben wir das Gefühl, dass es etwas Unwichtiges ist. Jeder kann darauf herumtreten. Doch wenn wir es mit unserem inneren Auge betrachten, spüren wir, wie großartig es ist. Früh am Morgen, wenn der Tau noch auf dem Gras liegt, sagen wir: “Wie wunderschön das aussieht!” Einige Stunden später laufen wir vielleicht darüber hinweg, doch das Gras beklagt sich nie und lehnt sich nie auf. Wenn wir behutsam über das Gras laufen, können wir ein Gefühl des Einsseins mit Mutter Erde spüren. Wenn wir die innere Fähigkeit besitzen, das Gras zu schätzen, staunen wir: “Wie demütig und selbstlos es ist!”

Wie kann ich Demut erlangen?

Sri Chinmoy: Wenn du der Welt wirklich etwas zu geben hast, dann kannst du wahrhaft demütig werden. Ein Baum, der noch keine Früchte trägt, steht aufrecht. Doch wenn der Baum mit Früchten beladen ist, neigt er sich zur Erde. Wenn du nur aus Stolz und Ego bestehst, wird niemand etwas Bedeutsames von dir erhalten können. Wenn du jedoch echte Demut besitzt, ist das ein Zeichen, dass du der Menschheit etwas anzubieten hast.
Wie kannst du demütig werden? Du kannst auf einen Baum meditieren. Wenn ein Baum seine Früchte der Welt anbietet, neigt er seine Äste voller Demut herab. Wenn er Schatten oder Schutz anbietet, schenkt er sie jedem, ohne Ansehen der Person. Wenn der Baum Blüten und Früchte trägt, neigt er sich herab und teilt seine Früchte mit der Welt.

Wie unterscheiden sich wahre und falsche Demut?

Sri Chinmoy: Demut bedeutet nicht falsche Bescheidenheit. Demut bedeutet nicht, in der hintersten Reihe zu sitzen. Wenn du dich bewusst und absichtlich nach hinten setzt, um anderen zu zeigen wie demütig du bist, bist du ganz und gar nicht demütig.
Falsche Demut ist das, was ein Sklave seinem Herrn gegenüber zeigt. Ein Sklave weiß, dass sein Herr ihn bestrafen wird, wenn er ihm nicht blind gehorcht und diese Art äußerlicher Demut zeigt.
Wahre Demut ist etwas völlig anderes. Sie ist das Gefühl des Einsseins. Demut bedeutet, anderen Freude zu schenken. Hier auf der Erde wollen wir Freude erfahren. Doch wie können wir Freude erhalten? Wahre Freude erhalten wir, indem wir uns selbstlos geben, nicht indem wir besitzen oder unsere Überlegenheit zeigen. Wenn wir anderen ermöglichen, Freude zu empfinden, fühlen wir, dass unsere eigene Freude vollständiger, vollkommener, göttlicher wird. Indem wir anderen das Gefühl geben, sie seien entweder genauso wichtig oder sogar wichtiger als wir, zeigen wir unsere wahre Demut.
Jemand, der die Bedeutung der Demut erkannt hat, ist wahrhaft göttlich. Demut ist wahre Göttlichkeit. Demut ist das Licht unserer Seele, das sich in alle Richtungen ausbreitet. Wenn das Licht der Seele durch das physische Wesen aus absolutem Einssein mit allen Menschen zum Ausdruck kommt, dann ist das göttliche Demut. Nichts kann in einen Menschen so still und zugleich so überzeugend eindringen wie Demut.
Durch Demut können wir in unserer Meditation am tiefsten tauchen und am höchsten emporsteigen. In der Demut ist Einssein, und im Einssein ist unsere göttliche Wirklichkeit.

Woran soll uns Demut erinnern?

Sri Chinmoy: In der inneren Welt erinnert uns Demut ständig daran, was wir früher waren, was wir jetzt sind und was wir sein werden. Aufgrund von Demut haben wir das spirituelle Leben begonnen. Demut ist darauf bedacht, das Spiel zu vollenden.
Es ist Demut, die in uns das Bestreben nährt, Wissen zu erlangen und in höhere Wirklichkeiten hineinzuwachsen. Alles liegt in uns. Aber gerade weil wir demütig sind, erhalten die höheren Wirklichkeiten die Gelegenheit, sich durch uns zu erfüllen. Laßt uns einige Minuten auf unsere aufrichtige innere Demut meditieren.

Wie kann mein Verstand demütiger werden?

Sri Chinmoy: Fühle, daß es in deinem Herzen etwas gibt, das unendlich viel stärker ist als der Verstand. Fühle die Seele und bringe sie aus der Tiefe deines Herzen hervor.
Fühle, daß die Seele immense Kraft besitzt. Du siehst die Seele vielleicht nicht, aber bringe trotzdem deine innere Stärke hervor und vereinnahme damit den Verstand. Sage dem Verstand: “Du hast mir erlaubt, einige Minuten lang still zu sein, und ich bin dir dafür dankbar. Aber ich bete und meditiere immer noch und sehne mich noch immer nach mehr Frieden, Licht und Seligkeit, und nun erlaubst du mir nicht, damit weiterzumachen.”
Ergreife einfach den Verstand und setze ihn in den Strom deines Herzens. Solange er dich meditieren läßt, brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Aber wenn er anfängt, dich zu stören und du Kopfweh bekommst, bedeutet das, daß er sich widersetzt. Er erlaubt dir nicht, noch mehr Frieden und Licht von oben zu erhalten.
Nimm einfach deinen Verstand und fühle, daß er wie ein ungezogenes Kind ist. Zuvor schlief das Kind und ließ die Mutter meditieren und zu Gott beten. Aber nun ist das Kind wach und möchte Unfug treiben. Es will der Mutter nicht erlauben, weiterhin zu beten und zu meditieren, um noch mehr Frieden, Licht und Seligkeit zu erhalten. Was also wird die Mutter tun? Sie wird das Kind ermahnen und zu ihm sagen: “Ich bete und meditiere noch. Du darfst mich nicht belästigen, du darfst mich nicht stören, sonst werde ich dich bestrafen."

Inhalt abgleichen (C01 _th3me_)