Ist es für die Praxis der Spiritualität wesentlich, welcher Religion man angehört?

Sri Chinmoy: Für die Praxis der Spiritualität ist es unwesentlich, welcher Religion man angehört. Religion ist vergleichbar mit einem Haus. Du lebst in einem Haus und ich in einem anderen. Obwohl wir in verschiedenen Häusern wohnen, wollen wir beide dasselbe lernen: Gottverwirklichung. Daher gehen wir beide zur selben Schule, zu einer inneren Schule. Wenn wir zu Gott beten und auf Gott meditieren, besuchen wir diese innere Schule. Um zu dieser Schule zu gelangen, können wir denselben Weg benutzen oder auch nicht. Auf jeden Fall verlassen wir beide unsere jeweiligen Häuser, wenn wir zur Schule gehen.
Ein echter spiritueller Sucher wird den tiefsten Respekt und die höchste Verehrung für alle Religionen besitzen. Wir können alle Religionen schätzen und sie als unser eigen betrachten. Jede Religion ist wie ein Zweig des Gottesbaumes. Wie können wir den Wert der Zweige bestreiten, wenn wir den Baum als unser eigen betrachten? Jede Religion ist auf ihre eigene Weise richtig, vollkommen richtig, doch wenn wir nach der höchsten Wahrheit streben, dann wird die Liebe zu Gott zu unserer einzigen Religion.
Wahre Spiritualität verlangt nicht, eine Religion aufzugeben. Wenn du bei deiner eigenen Religion bleibst und zugleich das spirituelle Leben praktizierst, wirst du fähig sein, sehr schnell dem Ziel entgegenzulaufen. Deine eigene Religion wird dir stets Vertrauen in das geben, was du tust. Andererseits wirst du vielleicht die Notwendigkeit verspüren, über die Religion hinauszugehen. In jedem Fall besteht dein Ziel darin, Gott zu verwirklichen, der alle Religionen verkörpert und zur gleichen Zeit weit über sie hinausgeht.